Full text: Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 8. Band, (Jahrgang 1852)

24 Prof. Joli. Wocel. Bericht über einekunst-archäologischeBereis.Böhmens. 
tischen Kunstgeschichte Oesterreichs lieferten. Wohl ist es unum 
gänglich nöthig, dass auch die Kunstdenkmale des Auslandes aufge 
sucht und studirt,werden; aber dieses Studium muss im vorliegenden 
Falle als Mittel zur Erreichung eines höher liegenden Zweckes be 
trachtet werden. Der Forscher im Bereiche der vaterländischen 
Kunstgeschichte und Alterthumskunde hat somit eine doppelte Auf 
gabe : Er muss die Errungenschaft fremder Völker auf diesem Ge 
biete kennen lernen; und gerüstet mit dieser, Kenntniss, die seinem 
Urtheile die nothwendige kritische Schärfe verleiht, im eigenen Va 
terlande nach den Ueherresten der alten Kunst forschen. Die auf 
diesem Wege gewonnenen Ergebnisse sind für die einheimische 
Alterthumskunde bedeutungsvoll. So z. B. gewährt eine Vergleichung 
der von Putrich herausgegebenen deutschen Kirchenbauten des Rund- 
bogenstyls mit den in Böhmen befindlichen Bauwerken dieser Art 
interessante Resultate, und weiset auf so manche Eigentümlichkeit 
des böhmischen Baustyls jener Zeit hin. 
In den oben beschriebenen Miniaturen und Tafelbildern gewahrt 
man ferner Motive, welche an die Werke der alten italienischen und 
deutschen Meister lebhaft erinnern, und eben daselbst erblickt man 
Gebilde, die einen eige'nthümliehen nationalen Typus haben. In dem 
Ludizer Cantional bemerkt man z. B. Bandverzierungen, welche eine 
auffallende Aehnlichkeit mit einigen Motiven in Raphael’s Logen haben, 
und im Königgrätzer lateinischen Cantionale vom Jahre 1505 befin 
den sich Bilder, deren Composition mit den Holzschnitten in Albrecht 
Dürer’s, im Jahre 1511 zum erstenmal gedruckten Passio Christi 
erblicken lässt. Ueberhaupt wird durch solche Vergleichungen ein 
tiefer Einblick in das bewegte Künstlerleben des XV. und XVI. Jahr 
hunderts in Böhmen eröffnet. 
Schlüsslich bemerke ich, dass der österreichische Kaiserstaat 
in der Mannigfaltigkeit seiner nationalen Elemente eine überreiche 
Fülle an alten Kunstdenkmalen bewahrt, in welchen das edelste 
Vermächtniss der Vergangenheit ruht. Die Erforschung derselben 1 
ist eine schöne, dankenswerthe Aufgabe, t die in unserer Zeit um so 
wichtiger erscheint, weil der Nationalgeist der Völker in einer sol 
chen Würdigung des theuren Nachlasses der Ahnen eine edle, den 
Kunstsinn wie auch das humane und religiöse Gefühl anregende Be 
friedigung findet.
	        

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