Full text: Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 8. Band, (Jahrgang 1852)

Zur Vorgeschichte des Jahres 1809 in Tirol. 
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ihnen vom Hofe oder von der Landesstelle vorgeschlagene Tema 
zu nominiren, weil dieses nicht mehr eine „libera collatio” wäre. 
So blieb mir also, sehliesst Graf Arco seinen Bericht, unter diesen 
Umständen, welche, wenn die Bischöfe wirklich aus Gewissenhaftig 
keit so handelten und sprachen, in der That Mitleiden er 
wecken, nichts anderes mehr (ihrig, als die allerhöchsten Befehle 
rasch in Vollzug zu setzen. 
Datirt vom 17. October war nämlich ein allerhöchstes königl. 
Rescript aus München angekommen, welches befahl, die Bischöfe 
von Chur und Trient hinnen zweimal 24 Stunden über die Grenzen 
der königlichen Staaten zu schaffen, welche sie ohne ausdrückliche 
Bewilligung Sr. königl. Majestät nicht mehr betreten sollten. 
Mit Thränen in den Augen kündigte Graf Arco am 23. October 
den beiden Fürstbischöfen den königlichen Befehl an, der zugleich 
dem General-Commando, den sechs Kreisämtern, allen Landgerichten 
und Polizei- und Grenzzollbehörden mit dem Aufträge mitgetheilt 
wurde, den deportirten Bischöfen auf keinem Punkte der Landes 
grenze den Rücktritt zu gestatten. 
Am 24. October wurde der Fürstbischof von Trient unter Auf 
sicht des Gubernialraths-Accessisten Karl Grafen von Wolkenstein 
bis ganz nahe an der österreichischen Grenze bei Salzburg jenseits 
Reichenhall, und der Fürstbischof von Chur unter Aufsicht des 
Polizei-Commissärs Joseph von Schubert durch Oberinnthal bis 
Martinsbruck an die Bündner Grenze deportirt. Beide Commissäre 
waren für die pünktliche Ausführung ihrer Aufträge persönlich ver 
antwortlich gemacht, und hatten Befehl, im Nothfalle alle Civil- und 
Militär-Behörden zu ihrer Unterstützung aufzufordern. 
Die Reise ging ohne Unfall vor sich. Der Fürstbischof Emanuel 
von Trient blieb in Salzburg, wo er am Domcapitel eine Pfründe 
besass; Karl Rudolf von Chur wurde bei Martinsbruck über die 
Grenze geschafft. Ganz in der kräftigen Weise seines Charakters 
setzte er, begleitet von drei Männern aus Nauders, die Reise zu Fuss 
durch Engedein fort, überstieg noch Abends das beschneite Joch 
Scharl und gelangte unter mannigfaltigen Entbehrungen um Mitter 
nacht in das Kloster Münster. Seine Führer erzählten, dass sie 
manchmal bis über die Knie in den Schnee einbrachen, und wenn 
sie dann den armen Bischof bedauerten, er sie ermunterte und zu 
ihrer Aufheiterung geistliche Lieder sang.
	        

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