Full text: Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 8. Band, (Jahrgang 1852)

Zur Vorgeschichte des Jahres 1809 in Tirol. 
243 
Lande aus der Vereinigung mit Baiern damals, ungefähr wie in unsern 
Tagen von der Idee des Zoll-Vereines in Aussicht gestellt waren, der 
baierisclien Regierung schwerlich je eine Verlegenheit entstanden 
sein würde. Man sagte sich unverliolen, dass, wenn einmal die Zoll 
stangen fallen, welche Tirol vom Nachbarlande trennen, von dorther 
Überfluss an Getreide auf die tiroler Märkte strömen, und umgekehrt 
in Tirol die Viehzucht, der Weinbau, die Seidencultur und Obstzucht 
einen wünschenswerthen Aufschwung nehmen, und in Baiern einträg 
liche Absatzmärkte finden werden. Im Genüsse dieser Vortheile würde 
Tirol, so glaubten einige, sogar die Aufhebung seiner ständischen 
Verfassung und selbst das Unglück seiner Trennung von dem alten 
Fürstenhause allmählich verschmerzt haben, und vielleicht baierisch 
geblieben sein. 
Wenn es mir nun gegönnt ist, auf die Frage überzugehen, woher 
es kam, dass ungeachtet dieser günstigen Verhältnisse Baiern und 
Tirol doch nicht in einander verschmolzen, dass sich vielmehr gerade 
in den materiell nicht unglücklichen Jahren 1807 und 1808 jener 
Volkshass gegen Baiern entzündete, der im J. 1809 in die helle 
Kriegsflamme aufloderte, so werde ich nicht die justitielle, finanzielle, 
oder polizeiliche Verwaltung des Landes als Ursache jener Erschei 
nung bezeichnen dürfen; ich werde vielmehr auf eine andere, bisher 
viel zu wenig beachtete Quelle hinweisen müssen, und diese Quelle, 
aus welcher so recht eigentlich wie aus dem tiefsten Ursprünge alle 
Ereignisse des Jahres 1809 flössen, und ohne deren genauere Kennt- 
niss der Aufstand der Tiroler nie vollkommen begriffen werden kann, 
diese Quelle ist jene gewaltsame und schonungslose Umwälzung 
in kirchlichen Dingen, welche die baierische Regierung mit 
völliger Verkennung des tirolischen Volkscharakters in den Jahren 
1806, 1807 und 1808 durchzusetzen bemüht war. 
Man darf ohne Umschweife behaupten, dass Baiern im Verhält 
nisse zur Kirche sich auf einen falschen Standpunkt gestellt hatte. So 
wenig es dem Geiste der Kirche und den vernünftigen Grundsätzen 
einer Regierung widerspricht, Missbräuche abzusehaffen, so war 
doch das, was Baiern in Tirol that, nicht mehr ein blosses Abschaffen 
von Missbräuchen, sondern ein zerstörender Angriff auf die Kirche 
selbst. Die baierische Regierung ging von Principien aus, die mit dem 
Wesen der katholischen Hierarchie unverträglich sind, und schlug 
in der Durchführung dieser Principien einen Weg ein , der nur von
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.