Full text: Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 8. Band, (Jahrgang 1852)

jgl 
WB 
U 
1 
206 Prof. Schleicher. 
Fliessen doch auch im Deutschen die Wortbildungssuffixa mit n mit 
den Formen zusammen, in welchen das n ein nur der Declination zu 
kommender Zusatz ist, durch welchen die Casusendung mit dem 
Stamme in Verbindung tritt. Überhaupt wird das n in deutscher 
Wortbildung und Flexion in einer der Anwendung des gleichbedeu 
tenden ß im Slawischen in vielen Stücken analogen Weise gebraucht. 
Betrachten wir nun das Vorkommen der durch ß erweiterten 
Formen und sehen wir zu, wie sich damit unsere Herleitungsweise 
verträgt. 
Allen Dialekten gemeinsam ist, dass dieZwischensylbe nur beim 
Masculinum vorkommt, ursprünglich, meist auch jetzt noch aber 
auch wegbleiben kann. 
Beim Adjectivum konnte ß keine Anwendung finden, da das Be- 
dürfniss für das bestimmte Adjectivum schon durch ein anderes Pro 
nomen gedeckt ist und das unbestimmte eben einen solchen bestim 
menden Zusatz nicht verträgt: auch beim Nomen werden wir ß nicht 
ohne Bedeutung finden. Das Pronomen bedarf ebenfalls einer solchen " 
Zutlsat nicht. Bei diesen Wortclassen kann ß nur als wortbildender 
Laut verwandt werden. 
In der Substantivflexion gesellt sich ß nur dem Masculinum, nie 
dem Femininum, nur in ganz seltenen Spuren im Kirchen-Slawischen, 
wo überhaupt der Gebrauch dieser Zwischensylbe noch wenig fixirt 
ist, dem Neutrum. Überblicken wir nämlich den Gebrauch von ß, 
so zeigt es sich, dass es eine individualisirende Beziehung ausdrückt, 
die sich z. B. im Böhmischen bis zur belebenden steigert. Der Ge 
brauch des ß wäre desshalb allerdings beim Neutrum kühn, das Fe 
mininum liesse ihn eher zu, allein dem ß ward einmal eine entschie 
den masculine Bedeutung, den Femininal-Formen, die sich ja üheiv 
haupt vom Concreten zum Abstraeten hinneigen, ward diese Aus 
zeichnung versagt. 
Der Gebrauch des ß nimmt in der späteren Sprache zu und 
setzt sich fest. Diese Erscheinung, die der bisherigen Erklärung zu 
wider ist, wird nach unserer Auffassung in ihrer Ursache ersichtlich. 
Wir finden ja in diesem ß nichts Ursprüngliches, aus der indoger 
manischen Ursprache Mitgebrachtes und daher in anderen Sprachen 
ebenfalls Vorkommendes, sondern ein speciell slawisches Erzeugniss, 
ähnlich wie die Eigenthiimlichkeit in der Beziehung des Zeitwortes, 
welches erst vor unseren Augen sieb weiter entwickelte und festo
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.