Full text: Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 8. Band, (Jahrgang 1852)

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Prof. J o h. VV o c e 1. 
Prag befindlichen von Waagen gepriesenen Miniaturen an Tüch 
tigkeit der Ausführung, an Farbenglanz und Reichthum der Vergol 
dung diesem Werke gleich kommen, wiewohl dasselbe, wie aus dem 
Verlaufe dieses Berichtes ersichtlich wird, noch immer nicht das aus 
gezeichnetste Miniaturwerk in Böhmen genannt werden kann. — Es 
wird gegenwärtig im alten Rathhause der Stadt Leitmeritz sorgfältig 
aufbewahrt. 
Böhmisches Cantional der Stadt Luditz (Zlutice). 
Dieses für die Kunstgeschichte Böhmens höchst wichtige Rie 
senhuch enthält 494 Blätter; die Höhe desselben beträgt 2\ die 
Breite 1' 4“. Der Schreiber des Textes und der Noten war Jan 
, Taborskyz Klokotske hory; der Maler der Miniaturen der 
Prager Bürger Fabianus Polirar. Dasselbe wurde in den Jah 
ren 1558—1539 verfertigt. Den Inhalt des Werkes bilden böhmische 
Kirchengesänge, die beinahe in derselben Reihenfolge wie die latei 
nischen im Leitmeritzer Cantionale Vorkommen. In ihrer Art unüber 
trefflich sind die Miniaturbilder, welche die Versalbuchstaben und die 
Ränder der Blätter zieren. Der Ideenreichthum, der sich in den zarten 
und sorgfältig ausgeführten Gemälden kund gibt, kann nicht genug 
bewundert werden. Eben so bewundernswert ist die Pracht und 
Schönheit der Farben, die sich in ihrer lebhaften Frische bis auf un 
sere Tage erhalten haben. Durch meisterhafte Conception und Treff 
lichkeit der Ausführung sind besonders ausgezeichnet folgende Bilder: 
1. die Offenbarung der Majestät Gottes im Himmel, nach dem IV. und 
V. Capitel der Apokalypse aufgefasst. Gott Vater am Throne vom 
Strahlenglanze umschlossen, das Buch des Lebens haltend, dessen 
Siegel das Lamm Gottes öffnet. Rings im Wolkenkranze die 24 Ael- 
testen in weissen Gewändern, die ihre Harfen und Kronen vor dem 
Throne neigen; im Vordergründe der apokalyptische Seher Johannes. 
Wiewohl dieses Bild in mehreren böhmischen Gantionalen sich wie 
derholt, so ist es nirgends in solcher Schönheit und Vollendung wie 
hier ausgeführt. 2. Die Geburt Christi, ein durch die Innigkeit und 
Naivetät der Auffassung ausgezeichnetes Bild, das in seiner reichen 
prachtvollen Einfassung eine magische Wirkung hervorbringt. 3. Chri 
stus mit der Siegesfahne über dem offenen Grabe. Die Gestalt Christi 
ist überaus correct und kühn gezeichnet, das Antlitz voll Ausdruck 
und Würde. 4. Die Himmelfahrt Christi. Die Gruppirung der zahl-
	        

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