Full text: Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 8. Band, (Jahrgang 1852)

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Prof. Job. Wocel. 
II. Miniaturhandschriften. 
Die Bedeutung alter Miniaturen für die Kunstgeschichte eines 
Volkes und die Kenntniss seiner Culturzustände, seiner Sitten und 
Gebräuche ist in neuerer Zeit lebhaft anerkannt worden. Der hohe 
Werth der böhmischen Miniaturen des Mittelalters, die sich in ver 
schiedenen Pergamenthandschriften bis auf unsere Tage erhalten 
haben, wurde in neuester Zeit durch sachkundige Männer des Aus 
landes anerkannt und so hoch angeschlagen, dass nach dem Urtheile 
Waagen’s (im deutschen Kunstblatt 1850) viele altböhmische Mi 
niaturen in die erste Reihe der gleichzeitigen europäischen Kunst 
denkmale dieser Art eingereihet werden müssen. Waagen hatte 
aber bloss die in Prag und Wien befindlichen Miniaturen böhmischer 
Meister gesehen; die zahlreichen in den Landstädten Böhmens zer 
streuten Pergamentgemälde hatte er nicht in das Bereich seiner For 
schung gezogen. Ich hielt es daher für meine Pflicht, auf meiner Reise 
diesen vaterländischen Kunstdenkmalen meine besondere Aufmerk 
samkeit zuzuwenden, damit einerseits der Vorrath, den wir an diesen 
Kunstresten besitzen, erkannt und sicher gestellt werde, andererseits 
aber, damit die Kirchen- und Gemeindevorsteher auf die Bedeutung 
der, ihrer Obhut anvertrauten mit Miniaturen geschmückten Perga 
mentbücher aufmerksam gemacht und angeregt werden, dieselben 
sorgfältiger als es bis jetzt der Fall gewesen, zu bewahren und vor 
Verderben zu schützen. 
Während dieser Reise hatte ich zwanzig Miniaturhand- 
schriften in verschiedenen Städten Böhmens untersucht. Das 
ausführliche Resultat dieser Untersuchung gedenke ich in einer 
besondern Abhandlung bekannt zu machen, und beschränke mich hier 
darauf, bloss eine gedrängte Schilderung der vorzüglichsten dieser 
Kunstwerke vorzulegen. 
Das Leitmeritzer Cantional. 
Dieser merkwürdige Pergamentcodex ist, wie beinahe alle alten 
Cantionale in Schweinsleder gebunden und mit kunstvoll von Messing 
gearbeitetem Laubwerk beschlagen. Die Länge desselben beträgt 
2' S", die Breite 19"; sein Gewicht ist 110 Pfund, die Zahl der 
Blätter 46S. Der Text der darin enthaltenen Kirchengesänge ist 
lateinisch. Aus dem auf dem ersten Blatte befindlichen Epigramme 
leuchtet hervor, dass Jakob Ronovsky der Stifter dieses Cantionais
	        

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