Full text: Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 88. Band, (Jahrgang 1877)

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Lorenz. 
Hier haben wir eine wahre und eingreifende Gefahr zu 
erkennen gemeint, wenn unsere historiographische Entwicke 
lung das letzte Maass, wie es noch Schlosser aus teleologischer 
Voraussetzung einer stark auf das Moralische gerichteten Phi 
losophie entnahm, über Bord geworfen haben sollte und nichts 
mehr übrig wäre, als der ,heilige Bronnen' des ,Pergaments'. 
Was über die Werthbeurtheilung, welche die heutige Wissen 
schaft anstreben wird, noch zu sagen wäre, ist in wenige Sätze 
zusammenzufassen. Dass man den Maasstab für das Ereigniss 
aus der Erfahrung selbst gewinnen kann, wird auch von jenen 
wenigstens theilweise zugestanden, welche sich in Wahrheit 
anderer Werthmesser als der geschichtlichen bedienen, und 
Niemand gesteht es von vornherein zu, dass er eine Beurthei- 
lung in die Geschichte einführt, die ausserhalb des Gegenstandes 
selbst gelegen hätte. Schon die geläufigen Gemeinplätze der 
Unparteilichkeit verbieten und verboten es immer, die Annahme 
fremden Maasses und Gewichts in der Geschichte zuzugestehen. 
Auch die Moralisten lebten hierin in einer sehr begreiflichen 
Täuschung. Für uns aber ergibt die Geschichte der Historio 
graphie den vorherrschenden Beweis der Unentbehrlichkeit des 
Urtheils über Personen und Sachen. Die Aufgabe, welche sich 
für die weitere Entwickelung der Geschichtschreibung heraus 
stellt, ist die wie die Forschung auf ihrem eigenen Wege zu 
solchen Urtheilen gelangen kann, wobei sich nur die Schwierig 
keit erhebt, dass jedes Urtheil der Natur der Sache nach eine 
allgemeine Giltigkeit in Anspruch zu nehmen scheint, während 
es doch deutlich ist, dass alle Geschichtserfahrung zeitliche und 
daher vergängliche Werthe vorstellt. 
Dass die Forschung auf erfahrungsmässigem Wege zur 
Erkenntniss absoluter Werthe menschlicher Dinge je gelangen 
könnte, ist nicht denkbar und sie muss sich daher begnügen, die 
relativen Maasstäbe aufzufinden, mittelst welcher eine Thatsache 
an der anderen, ein Ergebniss an dem anderen, eine Ursache 
an der anderen abgemessen werden kann. Dass eine solche 
Schätzung aus der blossen Betrachtung der äusseren Erschei 
nungen nicht hervorgehen kann, ist ebenso gewiss, als es un 
möglich ist, aus den Rauchwolken eines Schornsteins die Pferde 
kräfte zu ermessen, die in jener Maschine thätig sind. Es wird 
eine Reihe feinerer und tieferer Untersuchungen nöthig sein,
	        

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