Full text: Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 77. Band, (Jahrgang 1874)

Kant und die positive Philosophie. 
75 
Kant gelangt so wie Comte zu einer Art /Theodicee', 
als Rechtfertigungsversuch der Existenz dessen, was beiden 
an sich für durchaus verwerflich gilt. Kant findet die Un 
geselligkeit durchaus nicht ,liebenswürdig'; aber ,die Natur 
weiss besser, was für ihn gut ist; sie will Zwietracht'. Comte 
schilt Theologie und Metaphysik ,Fiction'; aber ohne die theo 
logische Weltbetrachtung fände sich die Menschheit beim Erwa 
chen ihres Geistes in einen ,bösen Ring' (cercle vicieux) einge 
schlossen, aus welchem nur jene einen Ausweg (issue) bietet 
(a. a. O. I. p. 12). Alle Cultur und Kunst, sagt Kant, welche 
die Menschheit ziert, die schönste gesellschaftliche Ordnung, 
sind Früchte der Ungeselligkeit, die durch sich selbst genötliigt 
wird, sich zu discipliniren (a. a. O. p. 299). Comte nennt die 
spontane Entstehung der Gottesideen am Anfang der Mensch 
heitsentwicklung ein glückliches Ereigniss, denn sie boten 
derselben einen Vereinigungspunkt (point de ralliement) und 
Nahrung für ihre Thätigkeit (aliment ä son activite). Die drei 
Stufen des theologischen Weltalters, die durch die verschiedene 
Gestaltung der Gottesidee charakterisirt werden, das Zeitalter 
des Fetischismus, des Polytheismus und Monotheismus, stellen 
eben so viele der sich erweiternden Socialität den Menschen 
dar. Das letztere, welches den Höhepunkt des theologischen 
Weltalters und zugleich den Beginn des Verfalls desselben 
bezeichnet, umfasst in Comte’s Sinne das gesammte christliche 
Mittelalter und gibt demselben Veranlassung zu einer mit der 
üblichen Geringschätzung seiner ,Finsterniss' stark contrastiren- 
den Würdigung der positiven Verdienste desselben um die 
Grundlegung der neuen Zeit. An Hegel gefiel es ihm, dass er 
bei ihm eine ähnliche wahrzunehmen glaubte. Aus diesem 
Sinne für das Historische, der ihn den Leibnitz’schen Ausspruch, 
dass das Gegenwärtige die schwangere Mutter des Zukünftigen 
sei, preisen lässt, entspringt es, dass ihm der blos zerstörende 
Charakter eines Zeitalters oder einer Lehre antipathisch ist* 
Dass er das metaphysische Weltalter, das seiner Ansicht nach 
schon im 12. Jahrhundert unserer Zeitrechnung beginnt, nur 
in diesem &inne auffasst, steht nicht im Einklänge mit seiner 
eigenen Definition des metaphysischen Zustandes. Derselbe ist 
nicht bloss negirend, was die agents surnaturels der theolo 
gischen Weltbetrachtung, sondern zugleich ponirend, was die
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.