Full text: Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 77. Band, (Jahrgang 1874)

Kant und die positive Philosophie. 
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Gattung in ihrem geschichtlichen Entwicklungsgänge der Ab 
sicht und dem Willen der vernünftigen Natur gemäss zu 
lösende Problem. 
Scheinbar, aber auch nur dem Anscheine nach, ist dieses 
Ziel beschränkter als der ,Positivismus' am Ende der Welt 
geschichte. Dieser umfasst nicht nur den vollkommensten 
politischen, sondern auch den eben solchen religiösen, ästheti 
schen, moralischen und intellectuellen Zustand der Mensch 
heit, eine ,positive' Kirche, Kunst, Sitte und Wissenschaft. 
Der Ausführung desselben ist das zweite Hauptwerk Comte’s, 
die ,politique positive' gewidmet, nach dessen Anleitung in 
Frankreich, England und in den Vereinigten Staaten prak 
tische Gründungsversuche einer positiven Gesellschaft, Kirche 
und Schule mit massigem Erfolge gewagt worden sind. Genau 
genommen umfasst Kant’s ,höchste Absicht der Natur', näm 
lich ,die Entwicklung aller ihrer Anlagen in der Menschheit' 
alle jene Aufgaben; die ,bürgerliche Gesellschaft', der Staat 
imd das Staaten verhältniss ist nicht selbst jener Zweck, 
sondern nur das Mittel dazu und nur aus diesem Grunde 
(nicht um seiner selbst willen) ,Absicht' der Natur. 
An der Herstellung dieses ,Mittels', wie an jener des 
,positiven' Zustandes arbeiten nun, das ist beider Lehre, ohne, 
ja gegen ihren Willen sogar die entschiedensten Gegner des 
friedlichen Zusammenlebens der Menschen und Staaten auf 
der einen, des ,positiven' Zustandes der Menschheit auf der 
andern Seite mit. Es ist die ironische Dialektik der Welt 
geschichte, dass die Natur gerade mit Hilfe derjenigen ihre 
Zwecke durchsetze, welche dieselben vereiteln wollen, und dass' 
der theologische Zustand der Menschheit den metaphysischen 
und dieser beider gemeinsamen Feind und Erben, den positi 
ven aus sich gebäre. ,Das Mittel, dessen die Natur sich bedient, 
die Entwicklung aller ihrer Anlagen zu Stande zu bringen, 
ist der Antagonismus derselben in der Gesellschaft, sofern 
dieser doch am Ende die Ursache einer gesetzmässigen Ord 
nung der Dinge wird' (a. a. 0. S. 297). Kant versteht dar 
unter die ,ungesellige gesellige' Natur der Menschen d. i. den 
Hang derselben in Gesellschaft zu treten, der doch mit einem 
durchgängigen Widerstreit, welcher diese Gesellschaft beständig 
zu trennen droht, verbunden ist. Dieser nur sei es, welcher
	        

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