Full text: Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 77. Band, (Jahrgang 1874)

Kant und die positive Philosophie. 
71 
Zustand, ,in welchem die Menschheit alle ihre Anlagen völlig 
entwickeln kann', beide nach Kant’s eigenem treffenden Aus 
druck als eine Art ,philosophischen Chiliasmus 4 auf. Jenem 
sind nach der Lehre Comte’s ein metaphysischer und ein 
theologischer Zustand der Menschheit, diesem ist nach jener 
Kant’s ein Zustand des Krieges zwischen Individuen und 
Staaten vorhergegangen. Ersterer wie letzterer stellen nur 
Uebergangsstadien, aber als solche unvermeidliche Phasen dar, 
durch welche die Menschheit, um zu jenem Ziele zu gelangen, 
hindurchgehen muss, die sich nach Comte wie Kindheit und 
Jugend als organische Vorstufen zur Mannbarkeit, nach Kant 
wie von der Natur g’ewollte Mittel zu dem von derselben 
beabsichtigten Zwecke verhalten. 
Hierin liegt ein Grundunterschied beider Geschichts 
philosophien. Beide Autoren sprechen von einem ,Naturgesetz 4 
der Entwicklung der Menschheit; aber der eine versteht dar 
unter ein lediglich physiologisches, der andere ein moralisches. 
Comte spricht von einer ,evolution 4 , Kant von einer ,Bestim 
mung 4 des Menschengeschlechtes. Jener überträgt das von ihm 
entdeckte Fundamentalgesetz der Entwicklung der Wissen 
schaft auf die Geschichte der Menschheit. Wie sich die 
Wissenschaft durch die drei successiven Zustände, den theo 
logischen, metaphysischen und positiven (Kindheit, Jugend, 
Mannheit) hindurchzieht, so zerfällt die Geschichte der Mensch 
heit in ein theologisches, metaphysisches und positives Zeit 
alter. Die Kenntniss dieses Gesetzes stammt aus der Er 
fahrung; woher es selbst stamme, ob es der Menschheit durch 
einen übernatürlichen oder durch einen ,Naturwillen 4 auferlegt 
sei, verbietet sich die positive Philosophie erforschen zu wollen. 
Ersteres wäre ein Rückfall auf den ,theologischen 4 , dieses auf 
den ,metaphysischen 4 Standpunkt der Geschichtswissenschaft. 
Indem Kant der Natur eine ,Endabsicht 4 zuschreibt d. b. sie 
selbst als mit Intelligenz und Willen begabt ansieht, hat er 
nach Comte’s Ansicht den ,positiven 4 Standpunkt des Wissens 
noch nicht erreicht, ist er noch immer ,trop metaphysique 4 , 
obgleich er demselben ,näher als jeder andere Metaphysiker 4 
stehen soll. 
Das Charakteristische einer ,naturgesetzlichen 4 Entwick 
lung im Gegensatz einer künstlichen liegt darin, dass sie ,un-
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.