Full text: Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 77. Band, (Jahrgang 1874)

Ueber die Mafoor’sehe und einige andere Papüa-Sprachen. 
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Weniger leben. Nie ist man mir auf die Frage nach dem Na 
men einer Sache eine Antwort schuldig geblieben. Neben die 
sem in ihrer Natur liegenden Bestreben aber, die Dinge posi 
tiv zu bezeichnen und dadurch von einander zu unterscheiden, 
und neben ihrer Fähigkeit Bezeichnungen zu erfinden, muss, 
glaube ich, in der Sprache selbst eine gewisse Leichtigkeit 
zur Wortbildung gegeben sein. 
Ihre Lust sich mitzutheilen ist sehr gross. Ich hörte sie 1 
oft lange Zeit aufs Lebhafteste über etwas reden, ohne dass 
ich das Object ihrer Unterhaltung wahrnehmen konnte, und 
doch gewahrte, dass sie ein solches vor Augen hatten. So z. B. 
auf dem Meere in einem kleinen Boote konnten sie zur Er 
müdung über einen Fisch reden, den sie im Wasser gesehen 
und nach dem Einer vielleicht mit der Lanze geworfen oder 
mit dem Pfeile geschossen hatte. Ueber das fragliche Ge 
schlecht eines Thieres unterhalten sie sich stundenlang, möchte 
ich sagen, und ganze Nächte durchplaudern sie bei ihren Festen. 
Dass dieses viele Sprechen zur Neubildung von Wörtern bei 
trägt ist wohl zweifellos, und dass sich aus diesen inneren 
Gründen ein Theil der Verschiedenheit der räumlich streng 
von einander gesonderten Dialekte erklären dürfte, halte ich 
für möglich oder wahrscheinlich. 
Dass ferner der Mangel einer Schrift wesentlich dazu 
beiträgt eine Sprache flüssiger zu erhalten, bedarf, wie ich 
glaube, keiner Begründung; es eigneten sich die Sprachen 
des ostindischen Archipels 2 besonders dazu um zu unter 
suchen wie verschieden sich bei jenen Völkerschaften, welche 
eine Schrift und bei jenen, welche keine besitzen, die 
Sprachen entwickelt haben. Ich bemerke bei dieser Gelegen- 
1 Ich halte es für nöthig zu erwähnen, (lass ich, wenn ich im Allgemeinen 
von Papuas spreche, stricte nur jene meine, welche ich selbst kennen 
gelernt habe, d. h. dass ich nur für diese die Angaben vertreten kann. 
(Siehe auch: Bericht über meine Reise nach Neu-Guinea. Vortrag in der 
geographischen Gesellschaft zu Wien 1873.) 
2 Wie ich ihn nach altem Brauche lieber nenne als ,Malayischer Archipel*, 
nach Wa 11ace, da man unter letzterer Bezeichnung wenig Grund hatte, 
z. B. Neu-Guinea mitzurechnen. Die von den Holländern versuchte Ein 
führung des Namens ,Insulinde‘, ist wohl nur zu localem Gebrauche be 
stimmt. 
Sitzungsber. d. phil.-liistor. CI. LXXVII. ßd. II. Hft. 20
	        

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