Full text: Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 67. Band, (Jahrgang 1871)

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Höfler. 
römischen Kaiser, an seine nächste Umgebung zu denken; 
aber er vertheidigte die illyrische Präfectur, wie er konnte; er 
verhinderte, dass die Langobarden sich ganz Italiens bemäch 
tigten; er war im Besitze Afrika’s und Aegyptens, Palästina’s, 
Syriens und Kleinasiens. Doch wurde die Bedeutung des Beiches 
durch den Umstand, dass die griechische Bevölkerung in 
Europa vor dem Einbrüche der Slaven sich nach den Städten 
und Küstenplätzen zurückzog und das flache Land Preis gab, 
insofern eine andere, als dasselbe weniger im Occidente als im 
Oriente, weniger in Europa als in Asien (und Afrika), weniger 
in der lateinischen als in der griechischen Bevölkerung wurzelte. 
Hier waren die Patriarchate von Jerusalem, Antiochia, Alexan 
dria und Constantinopel, während der lateinische Theil der 
christlichen Welt nur Eines, freilich das erste zählte. Hier 
wurden die grossen Versammlungen gehalten, welche über den 
Glauben der Völker für alle Zeit entschieden; hier war der 
geistige Schwerpunkt der Welt, an der Schwelle Asiens wie in 
Asien selbst; hier die volkreichsten und grössten Städte, hier 
der Herd der grössten geistigen Bewegungen. 
Hatte auch Rom in diesen für die Ausbildung des Dogma’s 
so einflussreichen Kämpfen das Primat behauptet und ruhte 
somit die ereignisreiche Zukunft der christlichen Welt da, wo 
auch der nachdrücklichste und kraftvollste Widerstand gegen 
den Polytheismus, die römische Staatsreligion, stattgefunden 
hatte, so kam doch das Abendland im Allgemeinen dem christ 
lichen Oriente an Bildung und Wohlstand nicht gleich. Es 
war zu sehr von den Stürmen der Völkerwanderung ausgefegt 
worden. Der Nachtheil war geblieben und konnte bei den 
sich überstürzenden Ereignissen nicht mehr gut gemacht werden. 
Das Abendland war kein passive]- Zuschauer der grossen Spal 
tungen gewesen, in welchen sich der christliche Orient gefiel; 
im Gegentheil sorgten die Kaiser des wieder geeinigten römischen 
Reiches dafür, dass namentlich die Päpste daran Antheil nehmen 
mussten. Aber es war denn doch ein grosser Unterschied, 
ob sie im Oriente oder im Occidente wurzelten, hier oder dort 
ihre Blasen warfen, fort und fort nur neue Gährung schufen, 
wie es auch begreiflich war, dass sie da auf dem Wege von 
Concilien bekämpft und erstickt wurden, wo sie entstanden 
waren, im Oriente und nicht im Occidente.
	        
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