Full text: Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

Vedanta-stfra. 39 
sten Geistes. Das dritte und vierte Kapitel beschäftigt sich mit den 
frommen Übungen und den äussern Mitteln der Andacht. 
Das vierte Buch bezieht sich auf die Frucht und Wirkung 
frommer Übungen und Meditationen, auf die Erlangung wahrer Er- 
kenntniss, und in Folge derselben, Vereinigung mit dem höchsten 
Geiste. 
Wir haben früher gesagt, dass Sadänanda der Verfasser des 
Vedänta-sara ist, und möchten gern weitere Nachrichten über die 
Zeit, aus welcher er stammt, angeben, aber hier kommen wir zu der 
grossen chronologischen Klippe, an der alle Untersuchungen und 
Forschungen über Indien, welche nach einem bestimmten Datum 
streben, scheitern. Es ist eine für uns neue, merkwürdige, erstaun 
liche Erscheinung, Indien, das alte nämlich, ein Land ausgezeichnet 
durch die grösste und reichste Cultur-Entwickelung, hat keine Ge 
schichtsschreiber. Hier waltet indess kein unglücklicher Zufall, die 
Lücke in der Literatur weist hin auf eine Lücke in der Lebensan 
schauung. Der zu beklagende Mangel ist in erster Reihe im Wesen 
des indischen Naturell’s begründet, in zweiter Reihe aber bedingt 
durch die Staatsverfassung, die wir als Kasten-System kennen, end 
lich aber durch den, Einfluss der Brahmanen, denen gewiss daran 
liegen musste, den historischen Sinn, wenn er vorhanden war, zu 
unterdrücken. Die Wirklichkeit als bestimmte und begränzte Zeit 
lichkeit hatte für den Indier, der unter dem brahmanischen System 
lebte, keinen Werth. Wenn das ganze Leben nur ein Schein, ein 
Schatten ist, warum sollte man sich um Chronologie kümmern? Nach 
der indischen vedantistischen Ansicht sind die Kasten von ewigen 
Zeiten da, weil Brahma ihr Urheber ist; so haben es ihnen die Brah 
manen gelehrt und sie haben es geglaubt, allerdings nicht alle 
und nicht immer. Die ihrem Wesen nach freie menschliche Ge 
sellschaft existirt also hier mit der Nothwendigkeit und Unfreiheit 
einer Naturform. 
Diese Beschaffenheit des indischen Staats und Lebens hat 
mehrere wichtige Folgen gehabt. Wo keine Geschichte als festge 
haltenes und die Entwickelung des Lebens begleitendes Bewusstsein 
sich findet, kann es auch kein öffentliches Leben geben. Wo dieses 
fehlt, mangelt es wiederum an allem, was damit im Zusammenhänge 
steht. So nur ist es ferner erklärlich, dass wir in der so reichen in 
dischen Literatur sogar Grammatiken und Lexika in metrischer Form,
	        

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