Full text: Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 2. Band, (Jahrgang 1849)

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es von den Geschichtschreibern durchaus nicht. Und doch ge 
hört es nach meinem Urtheile zu unseren interessantesten 
Quellen. 
Der rühmlichst bekannte Melker Benedictiner Bernard 
Pez gab nämlich im Jahre 1731 ein Büchlein in Octav heraus, 
nämlich das Leben und die Visionen einer frommen Wienerin, 
einer Beguine, welche ein Mönch des AViener Minoritenklosters, 
ihr Beichtvater, im Anfänge des vierzehnten Jahrhunderts nie 
derschrieb. — Sie selbst, Namens „Agnes Blannbekin” 
lebte unter König Rudolf von Habsburg, dessen Tod (1291) 
ihr in einer Vision voraus bekannt wurde, unter König Albrecht I. 
und Herzog Friedrich dem Schönen , sie starb 1315. — 
Dieses Pez’sche Buch erregte gleich bei seinem Er 
scheinen einen grossen Scandal, auf Anregung der Jesuiten , 
welche der kaiserliche Bibliothekar Garelli kräftigst unter 
stützte, wurde es recht bald unterdrückt und Pez hatte nicht 
geringen Verdruss. — Man machte ihm bittere Vorwürfe, „dass 
er ein so anstössiges und von läppischen und abergläubischen 
Äusserungen strotzendes Erzeugniss des Mittelalters an’s Licht 
gezogen habe”. — So etwas, meinte man, sollte■ lieber in dem 
Dunkel der Vergessenheit begraben bleiben. Wir, als Freunde 
unparteiischer und kritischer Geschichtsforschung, da wir den 
Stand der religiösen und sittlichen Bildung aus den unmittel 
baren Quellen, aus den unentstellten Äusserungen der Zeitge 
nossen kennen lernen wollen, sind aber dem fleissigen und un 
ermüdlichen Bernard Pez, welchem wie seinem Bruder 
Hieronymus die österreichische Geschichte so viele Quellen 
verdankt, für diese Mittheilung sehr dankbar. 
Ja man muss aus derlei zeitgenössischen Quellen, aus die 
sen unverfälschten Mittheilungen das Mittelalter und seine Ent 
artung kennen lernen, nicht aber aus gefärbten .und absicht 
lich diese Zeit in’s Schönere malenden historisch sein sollenden 
Darstellungen. — 
Man kann es sehr begreiflich finden, dass die Jesuiten 
und ihre Freunde über eine solche Publication erschracken und 
indignirt waren; Freunde der Wahrheit wollen aber die 
selbe, und nur sie. — Ein billiger Beurtheiler wird jedoch 
nicht verkennen, was diese Zeit, wie alle übrigen, doch Gutes
	        
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