Full text: Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 24. Band, (Jahrgang 1857)

Beiträge zur juristischen Literargeschichte des Mittelalters. 
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6. Folgende Thatsaehen sind geeignet, auf einen dritten Car 
dinal unsere Aufmerksamkeit zu lenken. Der als päpstlicher Legat in 
den Streitigkeiten Roms mit Heinrich II. von England berühmt gewor 
dene Cardinal Gratian, derselbe den Albericus trium fontium 
mit dem Verfasser des Decrets verwechselt J ), hat mit Stephanus 
Tornacensis gemeinschaftlich die Rechtssehule von Bologna 
besucht a ). Dies in Verbindung mit dem ebenfalls gewissen Um 
stande, dass er Magister gewesen 3 ), berechtigt uns zu der 
Annahme, dass er in Bologna auch das Recht gelehrt habe. Im 
Jahre 1168 war er schon S. R. E. subdiaconus et notarius und 
kommt als solcher bis zum Jahre 1177 häufig in päpstlichen Schrei 
ben vor 4 ). Im Jahre 1178 ist er Cardinal geworden 5 ). 
Natürlich kann einstweilen nur von einer blossen Möglich 
keit die Rede sein. Liesse sich aber wirklich der Nachweis führen, 
dass der Cardinal Gratian und unser Cardinalis eine und dieselbe 
*) Chronic, an. 1158 (hei Leihnil. Access, temp. T. II, p. 328). Man vergl. Phillips, 
a. a. 0. S. 144. 
2 ) „Venerabili Domino ... Gratiano Cardinali ... Stephanus . . . Reliquiae 
cogitationis meae diem festum aguntmihi, quoties recolo me fuisse sociiim ves- 
trum inauditorio Bulgari.“ (Stepli. T o rn a c. Epist. ed. Du Molinet. 1682 
ep. XXXVIII.) Dieser Brief scheint Sarti ganz entgangen zu sein; denn er spricht 
ohne einen bestimmten Grund die Meinung aus, dass Jacobus und Albericus de 
Porta Ravennate Lehrer des Stephanus im römischen Recht gewesen seien, den 
Bulgarus aber, für den hier der Beweis vorliegt, nennt er nicht. AuIFallender ist noch, 
dass er diese Vermuthung auf Veranlassung eines Schreibens an den Ileraklius, 
Erzbischof von Cäsarea, ausspricht, in dem Stephanus ebenfalls den Bulgarus seinen 
Lehrer nennt, (ep. LXIII. edit. laud.) Cf. Sarti, P. I. p. 291. 
2 ) „Thomae Cantuar. arcliiepiscopo magister Vivianus . . . . nec tantum deferatis 
magistro Gratiano“ etc. (D. Tliom Cantuar. Epist. ed. Lupus, p. 488.— 
Bei Baron, an. 1169. XX.) Vivianus war Mitlegat des Gratianus bei König 
Heinrich II. im Jahre 1169. 
4 ) Bei Brequigny, Table chronologique etc. ist die erste Unterschrift von ihm in 
dieser Eigenschaft vom 27. April 1168 (T. III. p. 394.), die letzte vom 26. Januar 1177 
(1. c. p. 525). 
5 ) Oldoino, Vitae Pontif. et Cardinal. T. I. col 1096. — Giles, S. Thom. Cantuar. 
Opera, 1845, T. IV. p. 342 bemerkt: „Notabit Iector Gratianum inter cardiuales 
positum esse. Quod inde factum est, quod Gratiani nomini in quibusdam manu- 
scriptis cardinalis litülus adhaeret. At Gratianus, ut puto, nunquam cardinalis fuit. 
Sed hunc crrorem, si error sit, levem quidem et levissiini momenti, Iector facile 
condonabit.“ Dieser Irrthum ist in der That nur ein vermeintlicher. Nach Jaffe, 
Regesta R. P. p. 678, kommt dia conus Cardinal. SS. Cosmae et Damiani Gra 
tianus seit 1. October 1178 als Zeuge in päpstlichen Bullen vor. Man vergl. auch 
die Aufschrift des Briefes von S tep h a n us To rn a cen s i s an ihn oben Note 2.
	        
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