Full text: Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 172. Band, (Jahrgang 1913)

Studien zur Vorgeschichte einer romanischen Tempuslehre. 305 
Futurum seinen Einzug. Jetzt ist es nicht mehr die Form, 
sondern die Verwendung, die nachgeahmt, kopiert wird. In 
Spanien hat sieh dieser Vorgang schon in vorhistorischer Zeit 
abgespielt und war hier deshalb erleichtert, weil auch hier der 
Indikativ für den Konjunktiv der Abhängigkeit verwendet 
wurde. In Italien spielt sich der Kampf der doppelten Semantik 
des nachgeahmten fremden Konditionals mit den einheimischen 
Formen vor unseren Augen ab und hat zu den erwähnten Um 
wälzungen im Verbalsystem geführt. So wird auch der tos 
kanische alte Irrealis canterei zu einer Verbalform des Futurums, 
was aus lateinischem Materiale heraus ganz unverständlich ist. 
Dadurch, daß chantereie = lat. cantare habebam, bzw. can- 
tarem zusammenfällt mit chantereie, ehemals cantare höherem, 
bzw. cantaturus essem, wird der in den ältesten Formeln ganz 
ausgesprochen irreale Charakter dieser Formel zugunsten einer 
dem abhängigen Futurum näher stehenden Bedeutung potentiell 
geworden sein. Was für Frankreich gilt, gilt auch für die 
Länder, die die französische Form in die eigene Sprache über 
tragen haben. 
Deshalb sollte auch der Ausdruck ,Imperfekt des Fu 
turums 1 , worunter man sich alles andere, nur nicht einen Irrealis 
vorstellen kann, aus der wissenschaftlichen Terminologie ver 
schwinden. 
Sitzungsber. d. phil.-hisf. Kl. 172. Hd., 6. Abli. 
20
	        
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