Full text: Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 170. Band, (Jahrgang 1913)

Die indische Musik der vedischen und der klassischen Zeit. 55 
gründet sein; ähnlich ist der indianische Gesangstext Hau-he-hu 
oder hau-hau, he-he haia-haia. 1 Es sind immer gleichartige 
Laute, die einerseits bei der Arbeit physiologisch zu erklären 
sind, anderseits bei Gebet, Opfer etc. Zauberwirkungen aus- 
lösen sollen und die Melodien des Sämaveda gelten ja noch in 
brahmanischer Zeit als zauberkräftig. 2 Im Sämavidhänabräh- 
mana werden die einzelnen Sämans auf ihre Wirkungen hin be 
sprochen, von denen hier einige aufgezählt seien: Befreiung 
von allen Sünden, Erfüllung aller Wünsche, ein Alter von 
hundert Jahren, Berühmtheit, Gesundheit, Macht und Klugheit, 
Herrschaft über 100 Diener, Vertreibung des Unglücks, Sehen 
des Unsichtbaren, Schutz gegen die Zauberwirkungen anderer, 
Sieg im Kriege, Aufhebung der Wiedergeburt: lauter Vorstel 
lungen von der Zauberwirkung des Gesanges, wie wir ihr bei 
allen Völkern auf niedriger Kulturstufe begegnen. 3 
Die Verwendung der Interjektion zu Zauberzwecken wäre 
also begreiflich. Unverständlich bleibt jedoch die gewaltsame 
Veränderung der Textsilben. Wenn der Text des Rgveda 
richtig rezitiert wurde, warum sollte der des Sämaveda, — in 
den Gänas gesungen, —■ bis zur Unkenntlichkeit entstellt worden 
sein? Und damit kommen wir zur Frage nach dem zeitlichen 
Verhältnisse von Text und Melodie der Gänas. 
Die Melodien der Gänas könnten entweder ziemlich gleich 
zeitig mit der Rezeption des Sämaveda erfunden worden sein, 
oder aber sie könnten eine Umdeutung und Erweiterung der 
Akzente des Rgveda bezw. der Ziffern des Sämaveda bedeuten, 
oder es könnten schließlich irgendwelche alte erprobte Gesänge 
verschiedenen Charakters in den Gänas annektiert worden sein. 
Gegen die erste Annahme der gleichzeitigen Komposition spricht 
der Zustand des Textes. Eine Melodie, die auf einen Text 
komponiert ist, muß auf dessen natürlichen Verlauf Rücksicht 
nehmen und darf ihn nie gewaltsam verrenken und verzerren. 
Die eingeschobenen Silben können bezaubernde oder be 
schwörende Wirkung haben, vielleicht auch durch Nachahmung 
irgend einen Zauber herbeiführen 4 (z. B. hau etc. könnte 
1 Richard Wallaschek, Anfänge der Tonkunst, p. 198. 
2 Sten Konow, Das Sämavidhäna-Brähmana, p. 51 ff. 
3 Yrjö Hirn, The origin of art, p. 278 ff. 
4 Ernst Grosse, Die Anfänge der Kunst.
	        

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