Full text: Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 170. Band, (Jahrgang 1913)

Andreas Fricius Modrevius. 
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tancn, durch die Heterogenität der Zwecke der Handelnden 
erzeugten, auf die Gesellschaft von außen einwirkenden Kräfte 
entbehrend, verlegt die atomistische Lehre, die dynamischen 
Kräfte des gesellschaftlichen Lehens folgerichtig in den Willen 
des Individuums. Somit erscheint es auch als durchaus kon 
sequent, wenn sie den alles bestimmenden Individualwillen nach 
ihrem Gutdünken zu modeln, ihn zu ,versittlichen' trachtet. 
Dieses Bestreben ist es auch, das das Buch ,de moribus' hat 
entstehen lassen. Da es die Quelle jeder politischen Erkenntnis 
in sich einschließt, muß es auch jeder anderweitigen Betrach 
tung vorausgeschickt werden. So erscheint auch das genannte 
Buch als das erste (Bonis moribus Rempublicam optime gu- 
bernari). 1 Die so oft dem Modrevius entgegen gehaltenen Ein 
wände, daß er eher ein Moralist als ein Politiker, 2 daß de 
über de moribus unverhältnismäßig ausführlich sei (so neuer 
dings auch Kot, a. a. 0.), können angesichts der eben hervor 
gehobenen Tatsachen sich nicht behaupten. Hegt man mit 
Modrevius die Überzeugung, daß einerseits die sämtlichen 
Mißstände vor allem aus Unkenntnis besserer Bedingungen 
fließen, und sieht man andererseits das Wohl der Gesellschaft 
und des Staates als einzig und allein von der Summe der 
Willensbetätigungen der Einzelnen abhängig an, so erscheint 
es ohne weiteres verständlich, daß man vor allem und zuletzt 
die Träger des unaufgeklärten und dennoch unbedingt maß 
gebenden Willens belehren will. Daß der König, die Sena 
toren, die Abgeordneten dieser Belehrung weniger als irgend 
jemand entbehren können, versteht sich gleichfalls von selbst. 
Deswegen werden auch sämtliche diesen Gegenstand berührenden 
Fragen ganz konsequent (gegen Kot u. a.) im ersten Buche 
abgehandelt. — Inwieweit das Absehen auf das Bewußtsein 
und den Willen des Einzelnen mit dem Rationalismus auf das 
innigste verknüpft ist, mögen die einleitenden Worte der fran 
zösischen Deklarationen von 1791 und 1793 bezeugen. Als 
Anlaß ihrer Aufstellung wird bekanntlich die Tatsache genannt, 
1 L. I, c. V, p. 121. 
2 Tarnowski, Bd. I, S. 338; ihm folgend Skarzyhski, a. a. O. S. 520; 
Warminski, a. a. 0. S. 307; Kot, Sitzungsberichte, S. 16, Abhandlungen, 
S. 288 ff.; Ptaszycki, Studjen über Memorjal von Ostrorog. Historische 
Rundschau, Bd. XV, S. 13, 1912.
	        

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