Full text: Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 165. Band, (Jahrgang 1910)

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IV. Abhandlung: Berkowicz. 
geben sind, das haben die von Dr. Perles, D. H. Müller, sowie 
die von mir mitgeteilten lyrischen Lieder und Psalmen zur 
Genüge dargetan, in denen die Responsion ausnahmslos und 
unwiderlegbar nicht zwischen Versen, sondern zwischen einander 
entsprechenden Zeilen, d. h. Halbversen nachgewiesen wurde. 
Im Folgenden soll diese Frage näher beleuchtet werden. 
3. Die Zeile als Glied in der Strophe. 
Köster, der zuerst die hebräische Strophik zu einem 
Formprinzip erhoben hat, geht noch vom Verse, nach der masso- 
retischen Teilung, aus, unbekümmert darum, ob dieser ,Vers‘ 
ein, zwei oder auch mehr (3, 4, 5) Glieder umfaßt. Gleich ihm 
sprechen de Wette, Hupfeid, Ewald und Olshausen von 
Strophen, die aus einer Anzahl von Versen gebildet werden, 
gleichviel, ob unter diesen Versen auch solche von ungleicher 
Stichenzahl sich befinden, als von gleichen oder gleich 
artigen Strophen im Gegensätze zu denjenigen, in denen die 
Zahl der massoretischen Verse eine ungleiche ist. Erst Sommer, 
der von der Struktur der alphabetischen Lieder ausging, er 
kannte, daß die natürliche Einheit, die der Strophe zugrunde 
liegt, der Stichos ist. Er war der erste, der für die hebräische 
Strophe streng durchgeführte Symmetrie als unerläßliche For 
derung aufstellte und dem es auch gelungen ist, in vielen 
Psalmen eine durch Sinn und Gedanken gesicherte, symmetrisch 
gleiche Strophenstruktur von höchster Formvollendung, wie in 
dem oben mitgeteilten Ps. XCVI und dem im Anhang ange 
führten Ps. XLIV, nachzuweisen, während die Verstheoretiker 
in den meisten Liedern entweder auf jede Symmetrie verzichten 
oder überhaupt eine Einteilung treffen, die nichts weniger als 
symmetrisch ist. Denn, wie Delitzsch mit Recht hervorhebt, 
können massoretische Verse von verschiedener Länge unmöglich 
Bestandteile sein, nach deren Ziffer sich Strophen bemessen. 
,I)ie Strophe wird erst zur Strophe durch ihr ebenmäßiges Ver 
hältnis zu anderen, sie muß für das Ohr gleiche Zeitwährung, 
für das Auge gleiche Gestalt haben, sie muß also gleiche Zahl 
der Sinnzeilen darstellen/ 1 
1 Kommentar über die Psalmen, Einleitung S. 22.
	        
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