Full text: Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 164. Band, (Jahrgang 1909)

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I. Abhandlung-: v. Srbik. 
aber die unbedingte Verehrung der politischen Autorität und 
das Unverständnis für die bedeutsamen anderen in der Gesell 
schaft und im Staate wirkenden Kräfte. In keinem Punkte 
zeigt sich dies so deutlich als in seiner Stellung zur Lehre 
vom Staatsvertrage. Nachdem Althusius 1 die Theorie der 
Vertragslehre begründet, Gesellschafts- und Herrschaftsvertrag 
scharf geschieden hatte, nachdem dann seit Grotius die Be 
gründung der Staatsgewalt auf den Unterwerfungsvertrag zum 
allgemeinen geistigen Besitzstände geworden war, hatte Hobbes 
dem Volksrechte den entscheidenden Schlag beizubringen ver 
sucht. Die Fragen nach Widerruflichkeit und Unwiderruflich 
keit des Vertrages, nach voller Herrschersouveränität oder be 
dingter Delegierung der Staatsgewalt durch das Volk an den 
Fürsten — Fragen, deren schärfste Gegenpole Bodin und Althu 
sius bezeichnen — hatten die ursprüngliche Souveränität des 
Volkes und seine Auffassung als eines rechts- und handlungs 
fähigen Subjektes nicht berührt; indem nun Plobbes den Ver 
trag des Volkes als eines Ganzen durch den Vertrag jedes Ein 
zelnen mit jedem seiner Mitmenschen und mit dem Herrscher 
ersetzte und nach diesem Vertrage sofort die Einzel willen und 
die Volkspersönlichkeit verschwinden ließ, hat er den Dualis 
mus der Staatslehre vernichtet, die Person des Herrschers hat 
die des Volkes aufgesogen, er ist Körper, nicht bloß Seele 
des Staates, 2 das Herrscherrecht ein absolutes, von keinem 
Rechte des Volkes oder des Einzelnen beschränktes, der Volks 
wille zur rechtlich nichtigen Meinungsäußerung geworden. 
Schröders Staatslehre bringt nunmehr eine deutliche Rück 
bildung gegenüber der Hobbesschen Lehre: mit Berufung auf 
die Heilige Schrift bestreitet er schlechtweg die Existenz eines 
ursprünglichen Unterwerfungsvertrages und läßt den kümmer 
lichen Rest von Volkssouveränität, den der Hobbessche Ratio 
nalismus für die Urzeit des Menschengeschlechtes angenommen 
hatte, nur insoferne noch gelten, als nach seiner transzendenten 
Auffassung das Volk sich freiwillig für immer seiner Rechte 
in die Hände Gottes begeben hat; Gott hat dann dem Herrscher 
1 Das Nächstfolgende nach 0. Gierke, Johannes Althusius und die Entwick 
lung der naturrechtlichen Staatstheorien, 2. Aufl. (Breslau 1902), S. 76 ff. 
2 J. C. Bluntsehli, Geschichte der neueren Staatswissenschaft, 3. Auii. (Mün 
chen 1881; Geschichte der Wissenschaften in Deutschland, 1. Bd.), S. 119 ff-
	        
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