Full text: Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 164. Band, (Jahrgang 1909)

Wilhelm von Schröder. 
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Gerade auf das zerstörende Wirken der rationalistischen 
Aufklärung ist wohl die merkwürdige Erscheinung zurückzu 
führen, daß das Jahrhundert eines Montesquieu, Voltaire und 
Diderot, eines Kant und Lessing auch das eines Cagliostro und 
St. Germain werden konnte. Skeptizismus und Naturrecht stellten 
den Menschen geistig, politisch und sozial auf sich selbst. Die 
individualistische Staatslehre wollte dem Staate nur noch die 
unentbehrliche Fürsorge für Sicherung von Person und Eigen 
überlassen, und wenngleich der staatliche Gedanke, die Idee 
einer einheitlichen Staatsgewalt als zentralistischer Organisation 
der menschlichen Gemeinschaft und Quelle der Rechtsinstitutionen 
sich behauptete, wurde doch andererseits die individualistische 
Grundansicht festgehalten und demzufolge der letzte Grund und 
die Aufgabe des staatlichen Verbandes in den Lebenszielen der 
Individuation gefunden. 1 Was lange Autorität gewesen, wurde 
Vorwurf der Kritik und Ironie, Dogma und Glaube der Väter 
dem Zweifel ausgeliefert; eine große Lücke öffnete sich so im 
Bewußtsein vieler, die nur die wenigsten durch das Prinzip 
der reinen Vernunft auszufüllen vermochten; Gefühl und Phan 
tasie verlangten nach Ersatz und gläubig griffen die, welche 
dem alten Glauben entsagt hatten, mit gierigen Händen nach 
allem, was übermenschlich schien und die geheimnisvollen Kräfte 
der Natur dem menschlichen Willen zu beugen versprach. 
Materialismus, Rationalismus, Glaubenslosigkeit und bodenlose 
Leichtgläubigkeit — hart stießen in denselben Köpfen die ent 
gegengesetzten Überzeugungen und Empfindungen aneinander. 
Das war der Boden, auf dem kluge Abenteurer ernteten, ohne 
gesät zu haben, der Boden, auf dem kühne Spekulanten die 
Kritiklosen hinter das Licht zu führen und ihren Säckel zu 
füllen verstanden. 
1 K. v. Lehmayer, Der Begriff und die Entwicklung des individuellen 
Rechtsschutzes im öffentlichen Rechte, Zeitschrift für das Privat- und 
öffentliche Recht der Gegenwart. 29. Bd. S. 56. 
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