Full text: Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 107. Band, (Jahrgang 1884)

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Gomperz. 
Geistern des Revolutionszeitalters angerichtet hat, dies können 
wir jetzt aus Maine’s ,Altem Recht' und aus T ain e’s allen Ueber- 
treibungen und Einseitigkeiten zum Trotze so grossartigem Werk 
ersehen. Und nicht minder hätte es den Rousseau’s des Alter 
thums, den antiken Predigern des Natur- und Vernunftevan 
geliums gefrommt, wären sie diesen irreleitenden Tendenzen in 
geringerem Masse unterthan und demgemäss geneigter gewesen, 
den gelegentlichen berichtigenden Winken der ,älteren Schwester 
der Vernunft', der Ueberlieferung zu lauschen. 43 Auch den 
revolutionären Schriftdenkern, den graphischen Stürmern und 
Drängern aller Zeiten ist jenes Vorurtheil zu Gunsten der blossen 
Einfachheit und Natürlichkeit nicht völlig fremd geblieben. 
Oder haben wir nicht den vielleicht gewiegtesten Beurthciler 
dieser Dinge, den Verfasser des ,Kadmus‘, über die ,allzu 
grosse Einfachheit' der kurzschriftlichen Systeme Klage 
führen sehen? Hörten wir nicht die sonst so kluge Lady Scott 
sich dessen wie einer Grossthat berühmen, dass sie durch 
,ein ganz kleines . . . Strichei' das ganze Alphabet zu ersetzen 
vermag? Und prunken nicht überhaupt Kurzschriftler vielfach 
mit ihrer Zeichen-Armuth, als ob sie ein darauf bezügliches 
Gelübde abgelegt hätten? Von diesen Verirrungen blieb unser 
Unbekannter, wie uns scheinen will, vergleichsweise frei. Sein 
Streben nach Einfachheit und Harmonie überschreitet selten, wenn 
irgendwo, die Grenzen des Zweckdienlichen. 44 Vielleicht bewahrte 
ihn das angeborne griechische Mass vor Ausschreitungen, welchen 
die Einseitigkeit nordischer Naturen so leicht zu erliegen pflegt. 
Jedenfalls hat er sich uns wie in der Ueberwindung von Schwie 
rigkeiten am geschicktesten, so am wenigsten geneigt erwiesen 
Schwierigkeiten zu häufen, blos um an ihnen seine Kraft zu 
üben. Und mit dieser seinem geistigen Gleichgewicht darge 
brachten Huldigung scheiden wir von dem Manne, welcher uns 
für die unverwüstliche Gleichartigkeit der menschlichen Natur 
— die, vor dieselben Aufgaben gestellt, immer und immer wieder 
nach denselben Lösungen greift — einen neuen und staunens 
würdigen Beleg geliefert und an welchem das Geschlecht der Steno 
graphen, Phonographen und rationellen Alphabetiker einen un 
erwarteten Vorläufer und geistigen Ahnherrn gefunden hat, nach 
dem es sich benennen könnte, wenn er nicht namenlos wäre.
	        
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